St. Kunibert

St. Kunibert  -  Ausstattung

Fragmente eines Schnitzretabels

 

Im Südwestquerhaus der Kirche, bezogen auf den neuen Seitenaltar, der die Tradition des ehemaligen Pfarraltars aufnimmt, befindet sich ein spätgotisches Relief aus Eichenholz mit der Darstellung des Kreuzigungsgeschehens. Sie zeigt in der oberen Hälfte den gekreuzigten Christus, begleitet von den in verdrehter Haltung wiedergegebenen Schächern Gestas und Dismas, in der unteren Hälfte die gedrängte Volksmenge. Diese wird durch den Kreuzesstamm geteilt: Links erscheinen die ohnmächtig zusammensinkende Muttergottes und der Jünger Johannes, der sie stützt, dahinter Maria Salome, Longinus, dem ein Soldat beim Lanzenstich hilft, sowie ein Knecht. Rechts im Vordergrund hockt Maria Cleophas, neben ihr kniet Maria Magdalena, dahinter stehen Stephaton mit dem Essigschwamm, der Gute Hauptmann und ein Begleiter.

 

Zugehörig ist das kleinere Relief an der Südwand, es zeigt als hochrechteckige Darstellung die Grablegung Christi durch Nikodemus und Joseph von Arimathäa, begleitet von der Muttergottes, Johannes, Maria Magdalena und einer weiteren Maria.

 

Beide Reliefs präsentieren sich heute in einer Weißfassung, die 1884 aufgebracht wurde, als die beiden Reliefs in ein neugotisches Flügelretabel von Otto Mengelberg integriert wurden.

Die beiden Reliefs gehörten ehemals zu einem spätgotischen Flügelretabel, dessen Schrein geschnitzte Darstellungen der Passion Christi zeigte. Dabei wurde das überhöhte mittlere Gefach mit dem Kreuzigungsrelief seitlich von je zwei halb so hohen Reliefs begleitet, von denen sich jedoch nur das Grablegunsgrelief erhalten hat. Auch die wohl gemalten Flügel sind verloren gegangen.

Dieses Passionsretabel befand sich wohl einstmals auf dem Kreuzaltar vor dem Lettner, an dem möglicherweise die die drei stilistisch zugehörigen Einzelfiguren angebracht waren. Im Zuge der Barockisierung der Kirche wurde der Kreuzaltar an einen der nördlichen Langhauspfeiler verlegt, das Kreuzigungsrelief in den Auszug eines Barockretabels integriert.1884/85 wurden, wie erwähnt, die spätgotischen Fragemente in einem neuen Retabel von Otto Mengelberg für den Jakobusaltar im Nordwestquerhaus eingefügt. Dieses ging im Zweiten Weltkrieg zugrunde, nur die spätgotischen Schnitzwerke wurden zuvor deponiert.

Bei der letzten Restaurierung wurde die 'Elfenbeinfassung' von 1884, die wohl auf eine ältere Barockfassung zurückgeht, wieder freigelegt und geschlossen.

Alle erhaltenen Fragmente des spätgotischen Ensembles entstammen den Stilformen zufolge der Werkstatt des Kölner Bildschnitzers 'Meister Tilman', der höchstwahrscheinlich mit 'Tilman Heysacker genannt Krayndunck' zu identifizieren ist. Meister Tilman, der offenbar bei Meister Arnt in Kalkar gelernt hatte, war von ca. 1475-1515 in Köln tätig, seine Werkstatt bildete damals die führende Bildschnitzerwerkstatt in Köln, die weit über die Stadt hinaus von Wesel bis an die Mosel, von der Eifel bis nach Dortmund ihre Bildwerke lieferte.

 

Aus stilistischen Gründen können die Schnitzwerke in St.Kunibert in die Zeit um 1500/05 datiert werden. Bei den beiden Reliefs verwendete Meister Tilman für die Komposition, aber auch für die Faltengebungen Bildvorlagen des Weseler Stadtmalers Derick Baegert (um 1440-1505). Während sich für das Grablegunsgreleif kein konkretes Vorbild Baegerts erhalten hat, kann beim Kreuzigungsrelief die gesamte Komposition auf den Mittelteil einer Kalvarienbergtafel (um 1485/90) Baegerts zurückgeführt werden, die sich ehemals im Deutschen Museum in Berlin befand und 1945 verbrannte.

Mit seinem Passionsretabel für St. Kunibert folgt Meister Tilman in der Anlage der Brüsseler Tradition, lehnt sich aber in der Komposition und Figurenanlage eng an die Vorlagen von Derick Baegert an. Die Fragmente des Passionsretabels gehören zu den wenigen erhaltenen und daher hochbedeutenden Beispielen einer sicherlich nicht sehr umfangreichen Retabelproduktion der Spätgotik in Köln.

Holger Kempkens

 

St. Kunibert

Öffnungszeiten

 

täglich von 10 bis 18 Uhr.

 

Führungen nur nach Absprache mit dem Pfarramt

 

Kunibertsklostergasse 2,

50668 Köln

Kontakt über das

Pfarrbüro St. Agnes

Tel.: 78 80 75-0

Fax: 78 80 75-99

mail: pfarrbuero(at)st-agnes.de

www.st-kunibert-koeln.de

 


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