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Architektur

Gegenüber der karolingischen und ottonischen Architektur - mit eher einfach strukturierten Bauten, neben denen freilich auch so komplexe wie die Aachener Pfalzkapelle stehen - bezeugen die romanischen Werke einen gesteigerten Anspruch, einen neuen Grad an formaler Vielfalt und komplexer Fügung der Baukörper, auch die Wahl größerer Dimensionen. Dabei sind viele Merkmale der vorromanischen Architektur weiterentwickelt.

Der Außenbau gewinnt mit Türmen und Turmgruppen (Doppelturmfassaden, Vierungstürme etc.) und mit der einheitlichen, bisweilen geradezu systematischen Gliederung durch Gesimse und Friese, Lisenen und Blendbögen oder auch durch Zwerggalerien eigene Bedeutung.

Die dreischiffige Basilika mit überhöhtem Mittelschiff und Fenstern im Obergaden ist der beherrschende Bautypus. Daneben gibt es, regional bevorzugt (besonders im europäischen Südwesten), auch Hallen mit gleichhohen Schiffen. Außer den durch Pfeiler (seltener Säulen) getrennten Schiffen und dem in halbrunder Apsis endenden Chor werden Querhäuser und Emporen Bestandteile von sakralen Großbauten. Doppelchoranlagen und Westbauten oder dreischiffige Chöre (u.a. in der Normandie und in England) und Chorumgänge (in Frankreich) sind Erweiterungen und Varianten des 'Grundtypus'.

Zunächst hatten die Bauten flache Decken, offene Dachstühle oder hölzerne Tonnen. Wölbungen wurden zuerst über kleineren Teilräumen wie Seitenschiffen und Emporen errichtet. Die Entwicklung der Bautechnik ließ dann seit dem späten 11. Jahrhundert auch größere Weiten überspannen, so dass der längsgerichtete, gewölbte Bau seit der Hochromanik üblich wurde. Quadrat und halbkreisförmiger Bogen sind vielfach, doch nicht überall die Konstanten seines Grundrisses und Aufrisses. Die gewöhnliche Form ist das Kreuzgewölbe (mit Graten oder plastischen Rippen) über meist quadratischen Jochen als Raumeinheiten. Ist der Grundriß geometrisch systematisiert, entsprechen jedem quadratischen Joch im breiten Mittelschiff zwei quadratische Joche von halber Seitenlänge in den Seitenschiffen (gebundenes System).

Spezifische Bautypen lassen sich im Zusammenhang mit geistlichen Orden feststellen; am deutlichsten ist der eigenständige Charakter der Bauten für die Zisterzienser (Grundriss mit gerade schließendem Chor).

Die Gliederung der inneren Wand ist des basilikalen Schemas wegen mindestens zweigeschossig; Emporen über den Seitenschiffen bilden zwischen den Arkaden unten und dem Obergaden oben ein drittes Geschoss. An ihre Stelle können auch Blendtriforien treten. Die Gliederung ergibt in der hohen und späten Romanik zudem ein starkplastisches Relief, wenn in der Wand Nischen und Laufgänge liegen, ihr Pfeiler, Dienste oder (Halb-)Säulen vorgelegt sind und die Profile, Gesimse etc. gestaffelt sind. Dies gilt ähnlich für den Außenbau, wobei sich vielfach regionale Traditionen ausbildeten, z.B. in den rheinischen Etagenchören. Die Aushöhlung der Mauermasse, etwa durch die inneren Laufgänge vor den Obergadenfenstern in normannisch-englischen Bauten (z.B. in der Kathedrale von Peterborough), ist strukturell der späteren 'Auflösung' der Wand in den auf ein Stützensystem beschränkten gotischen Architekturen verwandt.

Zum Relief der Wand und zum Aufwand an Formen trägt wesentlich die Bauplastik bei. Gelegenheit zu ornamentalem oder figürlichem Scmuck bieten vor allem die Kapitelle, doch auch Friese, Gesimse, Konsolen, Fensterrahmungen etc.

Der heutige Zustand der romanischen Bauten vermittelt einen mehr oder minder stark veränderten Eindruck; denn nicht nur fehlt im allgemeinen das meiste ihrer alten Ausstattung, sondern auch ihre ursprüngliche Farbigkeit ist verloren. Die jetzt vielfach steinsichtigen Wände außen und innen trugen Putz, gemalte Dekorationen, welche die Architekturglieder akzentuieren konnten, und zum Teil auch Bilder. Hiervon ist weniges überliefert oder bislang rekonstruiert.

Die Erscheinungsformen der romanischen Architektur in den europäischen Ländern sind höchst unterschiedlich. Die über zweihundertjährige Entwicklung führt zu komplexen Raumorganisationen und zu differenzierten Gliederungen mit hierarchisch gestaffelten und teils mit Ornament überzogenen Formen. Alle künstlerischen Lösungen stehen jeweils in eigenen Traditionen der Länder und Regionen.