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St. Kunibert
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Westbau & Turm
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Westbau & Turm

Westbau & Turm | Und immer wieder Wiederherstellung!

Der Westbau von St. Kunibert war als Ort ähnlich wie in St. Aposteln und St. Severin für den Gemeindegottesdient innerhalb der Stiftskirche vorgesehen. Der große und wuchtige Turm auf der Mitte des westlichen Querhauses war eine statische Herausforderung und die Schwachstelle der Kirche zugleich. 1376 zerstörte ein Feuer den Westbau. Wegen fehlender Mittel verzögerte sich der Wiederaufbau. Erst 1400 war der Turm in gotischen Formen wiederhergestellt. 1773 wurde das große Stiftsgeläut von M. Legros eingebaut.  

„Wegen Einsturzgefahr gesperrt“ – solche Schilder mussten im 19. Jh. an mehreren romanischen Kirchen angebracht werden. Die Gemeinden ergriffen allerorts Maßnahmen, um die Kirchen nach der Säkularisation zu sanieren. Immer noch rechtzeitig - außer in St. Kunibert, als am 28. April 1830 abends der Turm einstürzte und damit auch den Westbau und Teile des Mittelschiffs zerstörte. Der Wiederaufbau erfolgte 1835–1838 durch den Kölner Stadtbaumeister Johann Peter Weyer, und der des Westturms ab 1843 in mehreren Phasen bis 1859. Dies ist ein frühes Beispiel bürgerlichen Engagements und finanzieller Unterstützung für die romanischen Kirchen, gut zehn Jahre vor dem Beginn des Weiterbaus am Kölner Dom. 

In den letzten drei Jahren des Zweiten Weltkriegs fügten Bombenangriffe St. Kunibert immer wieder Schäden zu. Am 29. Juni 1943 brannten sämtliche Dächer ab und beschädigten die Gewölbe. Der Bau war nun zusätzlich den Naturgewalten ausgeliefert und infolge der durch Angriffe immer wieder erfolgenden Druckwellen stürzte 1944 der Westturm erneut ein und riss das Westquerhaus und die angrenzenden Langhauspartien mit sich.

Erst 1979/80 war der Zeitpunkt gekommen, sich mit dem Wiederaufbau das Westbaus im Rahmen der Beseitigung von Kriegsschäden zu beschäftigen, und 1985 fiel dann tatsächlich die Bauentscheidung. Man einigte sich auf die Wiederherstellung des Bauzustands zwischen 1400 und 1830. Die Gemeinde hatte sich schon seit 1981 um die Wiederherstellung des großen Geläuts unter Einbeziehung des historischen Glockenbestandes (8 Stiftsglocken im Westturm und 2 Pfarr- bzw. Kirspelglocken im Dachreiter) gekümmert. Die Glocken konnten 1992 in den wiedererstanden Turm eingebaut werden. Mit der Feier zur Fertigstellung des Baus am 3. Oktober 1993 wurde damit auch die letzte der zwölf Großen Romanischen Kirchen vollendet. 

Kunstwerke

Im südlichen Westquerarm entstand beim Wiederaufbau an der Stelle des ehemaligen Pfarraltars eine kleine Altarinsel für Werktagsgottesdienste. Im nördlichen Westquerarm wurde - 1997 zur 750. Kirchweihe fertiggestellt - eine Heiltumskammer auf kreuzförmigen Grundriss nach Entwürfen von Ingrid Bussenius aufgestellt. Die Innenwände der Kammer sind farbig unterschiedlich gestaltet. Die aus Glas gefertigten, eingezogenen Raumecken ermöglichen Einblicke in den dort aufgestellten ehemaligen Stiftsschatz, der aus Goldschmiedearbeiten, Reliquiaren und den wertvollen Stoffen, die ehemals in den Schreinen die Reliquien ummantelten, besteht. 

Im Zentrum ist die sog. Ewaldidecke ausgestellt, eine farbige Leinenstickerei aus der 1. Hälfte des 10. Jh. mit Darstellung der vier Elemente (Erde, Luft, Feuer, Wasser), der vier Jahreszeiten, der Tierkreiszeichen und einem umlaufenden, aufwändig gestalteten Schriftband. Der Text an den Rändern des Textils lautet: „Populus qui conspixit omnis art elaboratum“ (Das Volk, das als Ganzes das durch Kunst Erarbeitete erblickt hat.) 

Neben diesem aus dem gleichnamigen Schrein stammenden Textil wird der aus der Zeit um 800 stammende sassanidische Seidenstoff aus dem Kunibertschrein mit Jagdszenen des Prinzen Bahram Gor in den Medaillons gezeigt. 

Textil aus dem Schrein der Hll. Ewalde, sog. Ewaldidecke, Seide, Leinen u. a., 2. Hälfte des 10. Jh.

Textil aus dem Schrein des Hl. Kunibert, Seide, 8./9. Jh.

Nicht nur in der Goldenen Kammer von St. Ursula finden sich Holzbüsten mit dem Antlitz von schönen Jungfrauen, Männern und Bischöfen.

Die meisten von ihnen stammen aus dem 14. Jh. Die dargestellten Heiligen haben zumeist lockiges Haar, einen lächelnden Gesichtsausdruck und ein Gewand, dessen Halsausschnitt als Bordüre mit Steinbesatz gestaltet ist. Einige Büsten haben auf der Brustseite eine Öffnung in Form eines oder mehrerer Drei- oder Vierpässe, die unterschiedlich kunstvoll ausgestaltet sind. Sie sind überwiegend vollständig zur Aufnahme von Reliquien (Gebeinen) ausgehöhlt. In einem Fall ermöglichen aufgebrachte Wappen auf den Gewändern sogar die Identifizierung der Stifterfamilien.

Einige Büsten stammen aus dem Stiftsschatz von St. Kunibert, andere aus Klöstern und Kirchen aus dem Umfeld von St. Ursula und St. Kunibert.

Reliquienbüsten, Holz, farbig gefasst, teils mit Steinbesatz, 14. Jh.

Ein auffälliges Reliquiar ist die Edelmeltallbüste des hl. Antonius. Sie soll Barthaar und andere Reliquien des Heiligen enthalten haben. Die Büste stellt den Heiligen mit gelocktem Haupt- und Barthaar dar.

Vom Kinn hängen zwei lange gedrehte Locken nach unten. Neben diesen auffällig gestalteten Locken fallen die am unteren Rand der Büste verlaufende Bordüre und die Bordüre am Halsausschnitt, teils noch mit erhaltenem Edelsteinbesatz, auf. Weitere Schmuckstreifen mit Steinbesatz verlaufen über beide Schultern. 

Die Figur ist Anfang des 13. Jh. zusammen mit zwei Armreliquiaren für die hll. Nikolaus und Georg entstanden und weist starke Beschädigungen auf wie eingedrückte oder fehlende Stellen im Kupferblech oder gar fehlende oder beschädigter Edelsteine.

Ein im 19. Jh. erstelltes Kunstinventar von St. Kunibert verzeichnet die heute wertvolle Büste als „ohne allen Wert“. 

Religuienbüste des Hl. Antonius, Kupfer, vergoldet, Steinbesatz, nach 1222

Zwei Reliquiare in Form von Armen werden ebenfalls in der Schatzkammer von St. Kunibert gezeigt. Ein Diakon mit Namen Theoderich hat sie zusammen mit der Reliquienbüste für den hl. Antonius gestiftet.

Die beiden Armreliquiare enthalten zahlreiche, auch später zugefügte Reliquien. Die Behältnisse geben über einem dreifach gestuften Sockel ein Obergewand mit gewellten Muldenfalten und quergelegtem Saum sowie ein reich verziertes Untergewand eines Arms wieder. Das enganliegende Untergewand ist flächendeckend mit Schmucksteinen und Rankenornament verziert. Das Obergewand besitzt an den Abschlussbordüren und Ärmelsäumen ebenfalls ein filigranes Dekor, die Saumnähte des Gewands sind mit Emailplättchen und verschiedenen Ornamenten (Rosetten, Rauten, Kreise) verziert. 

Vermutlich sind die Armreliquiare und die Reliquienbüste des Hl. Antonius bald nach der Stiftung 1222 in einer Kölner Werkstatt entstanden.

Armreliquiare für die Hll. Nikolaus und Georg, Kupfer, vergoldet, Email, Steinbesatz, nach 1222