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St. Maria in Lyskirchen
St. Maria in Lyskirchen
St. Maria in Lyskirchen
St. Maria in Lyskirchen
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St. Maria in Lyskirchen
Innenraum
St. Maria Lyskirchen
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St. Maria Lyskirchen
St. Maria Lyskirchen
St. Maria Lyskirchen
St. Maria Lyskirchen
Innenraum

Innenraum | Beeindruckende Emporen

Eine ältere „Lyskirche“ gab es sicher bereits in der ersten Hälfte des 10. Jh., eine erste vielleicht schon im 8. Jh. Es dürfte ein Grundherr namens Lisolf gewesen sein, der hier für sich und die auf seinem Gut abhängig Beschäftigten eine sogenannte Eigenkirche bauen ließ. Diese Art Kirchengründung ‚von privat‘ war ein noch bis ins 12. Jh. üblicher Vorgang. Aus der wohl bereits Maria geweihten ersten Kirche des Lisolf hat sich im Laufe der Zeit durch Namensumwandlung über „ecclesia Lisolvi“, „Lisolfikyrken“, „ecclesia de Lisolskirgen“ und ähnlichem die Bezeichnung „St. Maria in Lyskirchen“, also die „Marienkirche auf oder an der Stelle der Kirche des Lisolf“ gebildet.

Der heutige Bau wurde zwischen 1199/1200 bis etwa 1220 errichtet. Die kleine Krypta unter dem Chor dürfte wohl mehr als statischer Unterbau im beständig schlammigem Untergrund denn als Sakralraum gedient haben. In der Kölner Stadtsilhouette wäre St. Maria in Lyskirchen mit rheinseitiger Doppelturmfront das südliche Pendant zur im Norden gelegenen und etwas später begonnenen größeren Stiftskirche St. Kunibert geworden. Warum der zweite Turm Lyskirchens nie gebaut wurde, ist nicht bekannt.

Im Innern erhielt die Kirche den Belangen einer Pfarrkirche gemäß Emporen. So konnten möglichst viele Menschen dem Gottesdienst beiwohnen. Zwei der originalen dreiteiligen Emporenöffnungen sind noch zu Seiten der Orgelempore vorhanden. Architektonisch äußerst modern sind die hängenden Schlusssteine in den Seitenschiffen, die hier das erste Mal im Rheinland nachweisbar sind. Modernsten Tendenzen folgt auch das aus Frankreich stammende Travèensystem des Langhauses. Hier entspricht jeweils ein Joch der Seitenschiffe in der Länge einem Joch des Mittelschiffs, entgegen der üblichen kölnisch-rheinischen Verhältnisse von 2:1.

Kunstwerke

Die um 1250 ausgeführten Gewölbemalereien des Mittelschiffs stellen ein sogenanntes typologisches Programm dar. Typologie heißt: Hier werden auf der vom Betrachter her gesehenen linken, der nördlichen Seite (Zone der Dunkelheit) Szenen des Alten Testaments heilsgeschichtlich entsprechenden Szenen des Neuen Testaments auf der rechten, der südlichen Seite (Zone des Lichts) gegenübergestellt.

So sind im ersten Gewölbefeld von Ost rechts die Verkündigung der Geburt Jesu, links die Verheißung der Geburt Isaaks dargestellt; oder ein Motivfeld weiter die Geburt Jesu der Geburt des Isaak. Die Weihnachtsszene zeigt Allen verstehbar, dass auch der in Jesus von Nazareth menschgewordene Gott den üblichen Verunreinigungen eines Neugeborenen entsprechend gebadet werden musste. Der vollständige Inhalt des äußerst komplexen Bildprogramms wurde aber vielleicht nicht einmal vom Ortspfarrer verstanden. Vergleichbares findet sich nur in den allesamt jüngeren, von hochgebildeten Klerikern wahrgenommenen typologischen Bibelfenstern im Kölner Dom oder in der Benediktinerabteikirche St. Vitus in Mönchengladbach. Wer also hatte Interesse an einem solch anspruchsvollen Bildprogramm in einer Armeleutekirche, ein Programm, das aus heutiger Perspektive auf den Bestand fast so etwas wie ein Trendsetter gewesen sein muss?

Lyskirchen war eben nicht nur Armenviertel! In unmittelbarer Nähe des Rheinhafens, an der Gelenkstelle des internationalen Kölner Warenverkehrs, lebten auch die reichen Familien der Hardefust, der Jude, der Crop von Lyskirchen oder der Overstolzen – vermögende Händler, die schon länger vehement gegen die Stadtherrschaft der Kölner Erzbischöfe opponierten. All diese Familien gehörten auch zu den damals sog. parochiani, zum Pfarrvolk von St. Maria in Lyskirchen. Sie werden sich an Bau und Ausstattung ihrer Kirche finanzkräftig beteiligt und in Sachen künstlerischer Modernität die Konkurrenz zu den vornehmsten kirchlichen Auftraggebern gesucht haben.

Gewölbemalerei, Freskotechnik, Mitte 13. Jh.

Die Malerei oberhalb des barocken Windfanges an der Eingangsseite zeigt Maria in Art der westlich geprägten Madonnen als Himmelskönigin auf einem Pfostenthron.

Maria ist sedes sapientiae, Sitz der Weisheit, für den auf ihrem Schoß thronenden Logos, den Gottessohn. Zu ihrer Linken stehen zwei nicht identifizierbare huldigende Heilige. Zu ihrer Rechten sind in der um 1230/40 entstandenen Malerei die Heiligen Drei Könige dargestellt. Sie sind in Art des französischen Schauspieltypus des 13. Jh. postiert: Der erste König kniet, seine Gabe darreichend, vor dem Gottessohn, der zweite König weist mit Blick auf den Betrachter und mit großer Geste den dritten König auf den Stern von Bethlehem hin.

Dieser sog. Schauspieltypus findet sich in Köln und im Rheinland eigentlich erst im Laufe des 14. Jh., also 100 Jahre nach der Lyskirchener Malerei (z.B. Figurengruppe des Dreikönigenpförtchens). Mit einer prominenten Ausnahme! An der Vorderseite des um 1220/25 fertiggestellten und vom ‚Franzosen‘ Nikolaus von Verdun konzipierten Dreikönigenschreins im Kölner Dom war der Typus das erste Mal in Köln zu sehen.

Anbetung der Könige, Freskotechnik, 1230–1240

St. Maria in Lyskirchen wird auch als die Kölner Schifferkirche bezeichnet. Sie war gottesdienstliche und seelsorgerliche Anlaufstelle für die fern ihrer Heimat in Köln anlandenden Rheinschiffer.

Ihr Pendant war die kleine romanische Kirche St. Clemens in Mülheim auf der rechten Rheinseite. Eine kölsche Version des Fliegenden Holländers berichtet für St. Maria in Lyskirchen, dass alljährlich zur Weihnacht die im ausgehenden Jahr verstorbenen Rheinschiffer in einem Geisterzug den Hochaltar der Kirche umrunden, bevor sie in die Seligkeit eingehen. Im Jahr des Weihnachtshochwassers 1993, als der Rhein in der Heiligen Nacht kniehoch im Kirchenraum stand, konnte dies ausnahmsweise einmal nicht beobachtet werden ...

Die um 1420 gefertigte sogenannte Schiffermadonna wird dem sog. Schönen oder Weichen Stil zugerechnet. Ein Merkmal des Stils ist die ‚Backfischphysiognomie‘ der Muttergottes. Die Malerei von 1938 im Stil der Neuen Sachlichkeit hinter ihr stammt von Peter Hecker. Sie zeigt einen die Madonna grüßenden Rheinmatrosen und links im Hintergrund die Kirche an der Rheinfront.

Madonna, Holz, farbig gefasst (neuzeitlich), um 1410–1420

Kreuzigung Christi und Drei Heilige: Helena, Maternus und Albinus, Glasmalerei, 1520–1530

Die Glasmalereien im nördlichen Seitenschiff entstanden im Zusammenhang des spätgotischen Umbaus der Kirche um 1520–30. Eine Reihe von Merkmalen weisen auf diese Zeit des Kölnischen Übergangs von der Gotik zur Renaissance.

So ist die dreiteilige, aber mit durchgehender Landschaft im Hintergrund versehene Kreuzigungsszene in der Art spätgotischer Flügelaltäre komponiert. Die die einzelnen Bildfelder rahmenden Balustersäulen wie auch die zentralperspektivisch angelegten Bodenfliesen der Fenster mit den stehenden Heiligen (Helena, Maternus und Albinus) entsprechen dagegen dem Formempfinden der Renaissance. Zentralperspektivische Anlagen finden sich auch im Muttergottesfenster und sind im Verkündigungsfenster sogar auf die gesamte Raumtiefe angewandt: Durch das Doppelarkadenfenster im Hintergrund stößt die Heiliggeisttaube von einem Sonnenstrahl geleitet aus dem Unendlichen in den Raum.

Kreuzigung Christi und Drei Heilige: Helena, Maternus und Albinus, Glasmalerei, 1520–1530

Beweinungstyprichon

In der nördlichen Seitenkapelle befindet sich eine Kopie des Flügelaltars der Beweinung Christi vom Antwerpener Malers Joos van Cleve.

Das 1524 durch den Kölner Ratsherrn Gobelinus Schmitgen gestiftete Original wurde 1812 von der Gemeinde verkauft und ist heute Besitz des Städelschen Kunstinstituts in Frankfurt. Bereits 1816 hatte der in Köln vielfach als Restaurator und Kopist tätige Maler Johann Kaspar Benedikt Beckenkamp die Kopie für den originalen Standort angefertigt. Die seit 2014 als Thesaurarium (Schatzbehältnis) genutzte, wohl mit dem spätgotischen Umbau der Kirche angelegte Wandnische in der nördlichen Seitenkapelle, könnte ehemals eine in vielen mittelalterlichen Kirchen vorfindliche Heiliggrabnische gewesen sein.

Die Deckenmalerei aus der Zeit um 1260 zeigt Stationen aus der Legende der heiligen Katharina von Alexandrien.

Beweinung Christi, Kaspar Benedikt Beckenkamp nach Joos van Cleve, 1822 (1524)

Die südliche Seitenkapelle ist dem Hl. Nikolaus von Myra geweiht.

Waren die typologischen Gewölbemalereien des Mittelschiffs nur dem Gebildeten nachvollziehbar, so wurden in den Nebenchören mit den Lebensgeschichten der Katharina von Alexandrien und hier des Nikolaus von Myra zwei der populärsten, im Mittelalter sicher jedem Kind bekannte Heilige präsentiert. Die Malweise der um 1270 entstandenen Nikolaus-Bilderfolge wird als Zackenstil bezeichnet. Diese zwischen Lothringen, Ostfriesland, Sachsen, Ostwestfalen und Rheinland weit verbreitete Malweise der Spätromanik kann als ein erster Versuch der Übernahme gotischen Formenguts in die Malerei verstanden werden.

Anstelle der romanisch runden Muldenfaltenform – wie in der eine Generation älteren Darstellung der Heiligen Drei Könige im Bogenfeld über dem Hauptportal vertreten – werden nun die Textilsäume in blitzartig gebrochene, ‚spitzbogige‘ Faltenwürfe gebracht. In der Nikolauskapelle ist das besonders gut am Wöchnerinnenkleid von Nikolaus‘ Mutter Nonna oder im vom Sturm zerrissenen Mast und Segel der Schiffbrüchigenszene zu beobachten.

Gewölbemalerei mit Darstellung der Nikolauslegende, Freskostechnik, 1270 

Den frühgotischen Blattkapitellen der Standsäulchen und den Dreipassblenden des Beckenrandes nach wurde der Taufstein um 1270, also in der Zeit des Abschlusses der Ausmalung der Kirche und des frühen Kölner Dombaus gefertigt.

Aber die Gesamtform des Beckens entspricht einer großen Zahl spätromanischer Taufsteine im Rheinland: das Achteck als Verweis auf das Grab Christi und die Auferstehung (die liegende Acht als Zeichen der Ewigkeit). Geltungswille und Reichtum der patrizischen Stifter von St. Maria in Lyskirchen zeigen sich aber auch hier im sicher teuren Materialmix von schwarzem belgischem und weißem Marmor. Auch die Kopfzierden am Beckenrand suchen das Gewöhnliche zu übertreffen. Statt der üblichen vier Köpfe sind hier acht ausgearbeitet.

Sie zeigen junge und ältere Personen; Kopfhauben lassen verheiratete Frauen von Männern unterscheiden. Es scheint, als sei dieses Taufbecken als Gruppenporträt der stiftenden Zeitgenossen zu verstehen. Offen bleibt allerdings, ob diese individualisierten Köpfe nicht ebenfalls den stark eingreifenden, historisierenden Restaurierungsmaßnahmen vom Ende des 19. Jahrhunderts zuzurechnen sind.

Taufbecken, schwarzer und heller Marmor, um 1270 und Ende 19. Jh.