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Querhaus und Langhaus | 1600 Jahre Kontinuität

Die Grundmaße St. Severins sind in Position und Proportion an dem von Fritz Fremersdorf ergrabenen ursprünglichen Saalbau der Zeit um 400 ausgerichtet. Nach diversen frühmittelalterlichen Erweiterungen des kleinen, mit westlicher Chorapsis versehenen Saals wurde im 8. Jh. ein erster eigenständiger Neubau errichtet: eine repräsentative dreischiffige, wieder mit westlichem, aber jetzt rechteckigem Chor versehene Kirche, die der mittlerweile bestehenden Stiftsgemeinschaft zum Gottesdienst sowie zur Pflege des Severinusgrabs und dessen Angedenkens diente.

Der heutige Kirchenbau wurde mit der unter Erzbischof Wichfrid im Jahr 948 eingerichteten Confessio (die kleine tonnengewölbte Grabkammer unter dem Zelebrationsaltar) initiiert. Erzbischof Bruno I. komplettierte diesen Bau, indem er ihm im Jahr 965 testamentarisch vier Pfund Gold zur Vollendung des Altars vermachte. Diese, nun mit östlichem Rechteckchor versehene, kreuzförmige Basilika steckt noch im Kern der Pfeiler und Außenwände von Lang- und Querhaus der heutigen Kirche. Nach Anbau eines Langchors im 11. Jh. und nochmals erweiterndem Choranbau bis 1237 wurde diese Severinkirche nämlich vom 13. bis zum 16. Jh. peu à peu mittels gotischer Pfeilerummantelungen, Einwölbungen von Langhaus und Vierung sowie mit dem Bau des großen Westturms immer weiter ausgebaut.

Als der große Turmhelm im Jahre 1548 endlich vollendet worden war, hatte St. Severin mit exakt 600 Jahren Gesamtbauzeit eine fast so lange Bauzeit hinter sich wie der Kölner Dom. Wird der im Wortsinn maßgebliche spätantike Saalbau hier mitangesetzt, so kann von St. Severin als von einer 1.600 Jahre alten Kirche gesprochen werden.

Kunstwerke

Die Madonnenfigur am nordwestlichen Vierungspfeiler stammt von circa 1280 und wurde aus einem feinkörnigen französischen Kalkstein gefertigt.

Wurde sie vielleicht auch in Frankreich hergestellt? Die enge Formnähe der äußerst qualitätvollen Figur zu den etwas später zwar nach französischen Vorbildern, aber eindeutig in Köln gearbeiteten Chorpfeilerstatuen des Doms lassen auch an eine Entstehung in Köln denken. Der Sandsteinblock wäre dann als Rohling zur weiteren Ausführung ins Rheinland importiert worden. In den 1990er Jahren befreite Restaurator Georg Maul die Figur von einer neuzeitlichen Farbfassung und legte damit die Reste einer ehemaligen Komplettvergoldung von Haaren und Kleidung Mariens und des Jesuskindes frei.

Madonna mit Kind, Kalkstein, um 1280

Das über dem Hauptaltar hängende hölzerne Kruzifix gehört zum Typus der sogenannten Crucifixi dolorosi, also der Schmerzensreichen Darstellungen des Gekreuzigten. Der Typus entstand Anfang des 14. Jh.

Bekannteste Beispiel im Rheinland ist das Kruzifix in Kölns St. Maria im Kapitol von etwa 1304. Am überlebensgroßen, vielleicht Mitte des 14. Jh. entstandenen Exemplar von St. Severin sind trotz der hohen Anbringung einige charakteristische Merkmale solcher Bilder dennoch gut zu erkennen. Der ausgemergelte und gemarterte Leib hängt mit allen Spuren der Folterung leblos am Kreuz. Die Oberarme sind aus den Schultern gerenkt.

Crucifixi dolorosi und andere auf das Mitgefühl des Betrachters abzielende Bildtypen des 14. Jh. dürften als Reflex auf die kaum noch vermittelbare hochintellektuelle scholastische Theologie des 13. Jh. zu verstehen sein. Sie entsprechen einem in ihrer Zeit aufkommenden Bedürfnis nach einer durch die Anschauung und das Gefühl geführten Vermittlung des Evangeliums.

Gabelkruzifix, Holz, farbig gefasst, um 1350

Beim großen Flügelaltar im südlichen Querhausarm handelt es sich um ein Spätwerk des Kölner Malers Bartholomäus Bruyn d. Ä. († 1555).

Die Mitteltafel zeigt in bewegter Szene das Abendmahl im Moment der Ankündigung des Verrats durch Judas. Auf den beiden Flügelinnenseiten sind zwei alttestamentarische Ereignisse, die als narrativ-reale Verheißung des Abendmahls verstanden wurden, dargestellt: die Mannalese des Volkes Israel und das Abraham mit Brot und Wein stärkende Gastmahl des Melchisedek.

Auf den Flügelaußenseiten sind verschiedene Heilige zu sehen: links Konstantin, Katharina und Georg, rechts Elisabeth, Nikasius und Gudula. Die Auswahl dieser Heiligen legt nahe, dass das Triptychon eine Stiftung der Kölner Familie Hackeney sein könne. Denn die Dargestellten vertreten alle Namenspatrone des engsten Hackeneyschen Familienkreises.

Eine unlängst gemachte Röntgenaufnahme der unteren Rahmenleiste der Mitteltafel brachte Sicherheit. Die dadurch sichtbar gewordene Inschrift benennt Constantin von Lyskirchen und seine Ehefrau Elisabeth Hackeney als Stifter für das Jahr 1548.

Flügelaltar, Malerei auf Holz, um 1550

Die auffällige Relieftafel aus vergoldetem Kupfer ist das vormalige Mittelstück des Gedächtnismals (Epitaph) für den 1614 in Litoměřice (Leitmeritz, Tschechien) verstorbenen Jacobus Chimarrhaeus.

Chimarrhaeus war von 1594 bis zu seinem Tod Propst an St. Severin, hatte aber bereits seit einer 1573 begonnenen Karriere am Hof Kaiser Rudolphs II. in Prag mehrere Stiftsherrenämter in Bautzen, Ölmütz, Ratibor und eben Köln sowie diverse päpstliche und kaiserliche Ämter an sich ziehen können – ein typischer Fall von Ämterhäufung im neuzeitlichen Europa! In Köln hielt sich Chimarrhaeus so gut wie gar nicht auf.

Die originale steinerne Rahmung der Tafel befindet sich neben einigen weiteren Standepitaphien der Renaissance an der nördlichen Seitenschiffwand. Schon das verwendete Material - schwarzer Marmor (Aachener Blaustein) und fast weißer Alabaster – dokumentiert den Einfluss des flämischen Bildhauers Cornelis Floris auf die Entwicklung der Kölner Renaissance.

Auch formal eng verwandt mit Floris‘ in gleichen Steinmaterialien geschaffenen Grabmälern für die Erzbischöfe Adolf und Anton von Schaumburg im Kölner Dom ist das Epitaph für Dechant Georg Tisch von etwa 1568 im Südseitenschiff St. Severins.

Chimarrhaeus-Epitaph, Mittelplatte: Kupfer, getrieben und vergoldet, Rahmen: Blaustein, Alabaster, niederländisch/böhmisch, um 1614